Der unsichtbare User zwischen Anarchie und Redefreiheit
Anonyme Netzwerke: Licht und Schatten
Moritz Zielenkewitz
Ausgewählte anonyme Netzwerke
Freenet: Vom irischen Studenten Ian Clarke als Konzept eines dezentralen Informationssystems geplant, wurde das Free Network Project, kurz Freenet, im Jahr 2000 veröffentlicht. Ziel von Freenet ist, weltweit eine zensurfreie und unzensierbare Kommunikation aufzubauen - dieser libertäre Ansatz wird seit jeher kontrovers diskutiert.
I2P: Im Gegensatz zu Freenet versucht das Invisible Internet Project, eine anonyme und anonymisierende Kommunikationsschicht im Netz zu etablieren. So lassen sich sämtliche Web-Anwendungen wie Surfen, Chatten, Mailing und Filesharing über I2P verschlüsselt realisieren, ohne die eigene Identität lüften zu müssen.
StealthNet: Basierend auf dem RShare-Netzwerk ist StealthNet ein sehr funktionaler Filesharing-Client. Jeder Knotenpunkt erhält eine zufällige Identifikationsnummer und ermöglicht so anonymen Datentausch.
Lass uns über Inhalte sprechen
Eigentlich ist der Aufbau von unabhängigen und zensurresistenten Netzwerken ein hehres und zu befürwortendes Ziel. Denn wo in Deutschland maximal Abmahnungen, Vorratsdatenspeicherung und der Bundestrojaner in den Sinn kommen, ist Zensur in restriktiven Staatssystemen wie China ein alltägliches Problem.
Ein freiheitlich denkender und technisch aufgeklärter Nutzer sieht sich daher schnell versucht, diese Netzwerke zu unterstützen, einen eigenen Knotenpunkt einzurichten, eigenen Speicherplatz für Freenet, I2P und Co. freizugeben und die neu gewonnene Anonymität zu genießen.
Wer jedoch einmal in diese Netze eintaucht und die Inhalte beobachtet, für die solch ein Aufwand betrieben wird, dürfte schnell ernüchtert sein: Aufruf zu Straftaten, Fanatismus, Pornografie in den inakzeptabelsten Auswüchsen - kurzum ein Paradebeispiel für Kontroll- und Zügellosigkeit im negativsten Sinne.
Das Echo auf den Ruf nach Freiheit
Die sich daraus ergebende Frage könnte anarchistischer nicht sein: Kann der Vorteil einer unzensierbaren Kommunikation diese augenscheinlichen Nachteile aufwiegen? Oder hart gesprochen: Müssen Kinderpornografie und Bombenbauanleitungen in Kauf genommen werden, um eine grenzenlose Meinungsfreiheit zu ermöglichen? Die natürliche Reaktion wäre hier ein klares Nein. Zu pauschal?
Verfechter der anonymen Netzwerke berufen sich auf Toleranz: Ein Mensch, der nach freiheitlichen Überzeugungen handle, solle auch anderen Personen ihre Freiheit auf anderslautende Meinungen eingestehen. Im Klartext lautet diese Forderung: Sämtliche Vorlieben - egal ob politischer, religiöser oder sexueller Natur - müssten ungefiltert kommuniziert werden dürfen. Die eigentliche Freiheit liege dann darin, für sich selbst zu entscheiden, welche Ansicht Zustimmung erfährt.
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