Rennspiele - Unterschätzte Gefahr auf dem Bildschirm
Verkehrte Netzwelt: Verbietet "Raserspiele"!
Internet & Netzwelt
Meine Bildung endete mit dem Ablauf der Schulpflicht, weil mich meine Eltern wegen der teilweise schon kriminellen Tendenzen zum Autofanatismus vor die Tür setzten. Studieren kam nicht in Frage, denn Lernen und Hausaufgaben waren mir schon immer ein Gräuel. Das Einzige, worauf ich mich über einen längeren Zeitraum wirklich konzentrieren konnte, war neben illegalen Straßenrennen das Herumzappen mit der TV-Fernbedienung. Auf dem Arbeitsmarkt hatte ich damit denkbar schlechte Chancen, weshalb ich als Hamburger-Brater bei einer bekannten Fast-Food-Kette endete. Nicht das Schlechteste, immerhin hatte so ich meine natürliche Nahrungsquelle ständig in greifbarer Nähe.
Für mehr als einen halb verrosteten Golf GTI, den ich mühsam in jahrelanger Handarbeit restaurierte, reichte das Geld leider nicht. Ganz nach dem Vorbild von Need for Speed Underground wurde das Tuning von Optik und Motor beinahe bis zum Bersten ausgereizt. Eines Tages begegnete ich auf einer Landstraße einem modellbedingten Erzfeind mit Opel-Blitz im Kühler. Nach gegenseitigem Anstacheln entwickelte sich daraus ein gefährliches Wettrennen bei über Tempo 160. Als mein Zufallsgegner die Oberhand zu gewinnen schien, tat ich das meiner Meinung nach einzig Richtige: Ich drängte ihn von der Straße.
Im Computerspiel hat es doch auch immer funktioniert, und zwar ohne größere Auswirkungen auf Fahrer und Gefährt. Leider holte mich nach der Realität gleich noch das Heck meines Autos ein - offensichtlich hatte mein Kontrahent dasselbe Computerspiel gezockt. So landeten wir beide höchst unsanft im nächstgelegenen Acker und überschlugen uns mehrmals. Wie durch ein Wunder kamen wir mit ein paar gebrochenen Knochen, Gehirnerschütterung und Schleudertrauma davon. Dafür waren sowohl Opel als auch VW mehr als nur klinisch tot. Mit undurchdachten gegenseitigen Anschuldigungen redeten wir uns nach dem Eintreffen der Polizei gleich noch um dem Führerschein.
Nach ein paar Tagen in der Klinik, die ein oder andere Woche hatte ich noch vor mir, interviewte mich der Redakteur einer Großbuchstabenzeitung am Krankenbett - und machte mich am nächsten Morgen prompt zur Schlagzeile. Ich unterbreitete ihm, dass ich in meiner Freizeit gerne Rennspiele spielte und er strickte daraus kurzerhand das "Raserspiel" in Anspielung auf das Gefahrenpotenzial interaktiver Computergrafik. Mit der Zeit entdeckten immer mehr Medien die Publikumswirksamkeit der leichtfertigen Wortkreation für sich.
Als ich mit dicken Gips-Applikationen endlich das Krankenhaus verlassen darf, ist die Thematik sogar schon bis zur Politik vorgedrungen. Als kritische Stimmen aus der Bevölkerung laut werden, fordern vorschnelle Fraktionsvorsitzende sofort das Verbot sämtlicher Rennspiele. Wahrscheinlich in der Annahme, dass mit Beseitigung des Symptoms auch irgendwann die Ursache verschwindet. Gott sei dank, denke ich mir, denn ohne die Raserspiele wäre mir das alles nicht passiert. Oder vielleicht doch?
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