Rennspiele - Unterschätzte Gefahr auf dem Bildschirm
Verkehrte Netzwelt: Verbietet "Raserspiele"!
Benjamin Schnitzler
Ja, ich bekenne mich schuldig. Ich bin ein "Raserspieler". Meine Unfähigkeit, mich dem alltäglichen Straßenverkehr anzupassen, resultiert nicht etwa aus einer vernachlässigten Kindheit, sozialer Inkompetenz oder gesellschaftlicher Ignoranz. Nein, die Computerspiele sind schuld, Rennspiele, um genau zu sein. Schon als mich zum ersten Mal der "Need for Speed" packte, war mein Schicksal besiegelt.
Selbst ohne Führerschein oder viel Geld kommt man schnell hinters Lenkrad. Es genügt ein Paar nichtsahnender und desinteressierter Eltern, das die Autoschlüssel mit geradezu pedantischer Präzision immer an derselben Stelle parkt, in der kleinen Holzschüssel auf dem Schuhschrank im Flur beispielsweise. Meine ersten Erfahrungen als Fahrschüler konnte ich somit bereits im zarten Alter von 14 Jahren sammeln - und mit der Polizei ebenfalls.
Inhalt
- Autofahren mit vierzehn
- Rollernde Gefahr
- Aus der Fahrschule, aus dem Sinn
- Pimp my brain
- Rettet mich vor dem Rennspiel
Wer als Jugendlicher in einem verschlafenen Vorort, wo die kleine Parkbucht vor dem Tante-Emma-Laden als Spielplatz herhalten muss, mit ein paar Gleichaltrigen einfach sich selbst überlassen wird, fühlt sich drinnen vor dem Computer bedeutend besser aufgehoben als draußen an der frischen Luft. Unsere Lieblingsbeschäftigung hieß "Megarace 2", laut Herausgeber "das tödlichste Rennen der Zukunft". Bei der höchst eigenwilligen Motorsportart, moderiert von einem durchgeknallten Alter Ego Kai Ebels, werden Gegner mittels schwer bewaffneter Boliden ins virtuelle Jenseits befördert.
In den Zwischensequenzen gab der pixelgesichtige Gastgeber mitunter nicht ganz jugendfreie Kommentare von sich. So antwortete er etwa auf die Frage seiner leicht bekleideten Assistentin, wie er ihren Körper fände, dass er es noch nicht wissen könne, da er ihn noch nicht ausprobiert habe. Obwohl die plumpen Anzüglichkeiten und das eher gewalttätige Spielprinzip auch andere Gedankengänge zugelassen hätten, manifestierte sich allein der Wunsch nach dem Autofahren in unseren noch nicht ganz ausgereiften Köpfen.
Mit dem leichtfertig abgelegten Schlüssel und dem dazu passenden Gefährt vor der Haustür war es denkbar einfach, sich autodidaktisch das Fahren beizubringen. Vier Jahre bis zum richtigen Führerschein wollte schließlich niemand warten. Die anfängliche Anfahrschwäche hatten wir schnell im Griff, dann ging es ab auf die Piste beziehungsweise in halsbrecherischem Tempo über eine abgelegene Waldstrecke. Doch irgendwann kam es, wie es kommen musste: Das Auto kam ins Schleudern, ich verlor die Kontrolle und landete unsanft in einer Böschung. Dass ich unverletzt aus dem Wrack stieg, spielte kaum eine Rolle, denn das erledigte später mein Vater, nachdem ich ihm in Polizeibegleitung den Totalschaden präsentierte.
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