Neues Projekt der MP3-Erfinder

Vorgestellt: Ensonido - Surround-Sound im Kopfhörer

Christoph Scholl

Anfang der 80er Jahre setzte sich ein kleines Forscherteam am Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen in Erlangen ein hochgestecktes Ziel: 40 - 50 Megabyte große Musikdateien, wie sie auf Audio-CDs üblich sind, sollten soweit komprimiert werden, dass die zusammengeschrumpften Daten der Songs über eine gewöhnliche Telefonleitung in einer annehmbaren Zeit übertragen werden konnten - und das auch noch mit nur minimalen Klangeinbußen. Von vielen Kollegen zunächst belächelt, ließen sich die Forscher jedoch nicht entmutigen und entwickelten mit der Zeit ein Dateiformat, welches sie irgendwann MP3 tauften und welches rund 15 Jahre nach Beginn seiner Entwicklung die Musikindustrie und weite Teile des Internets revolutionierte.

Heute gehören MP3s zum Alltag von Millionen Menschen weltweit. Egal ob zu hause am PC oder unterwegs in der Bahn, beim Joggen oder im Auto: MP3s sind permanent um uns herum. Statt sich jedoch auf den verdienten Lorbeeren auszuruhen, entwickeln die Fraunhofer-Forscher "ihr" Dateiformat immer weiter. Für noch bessere Codierungsverfahren, noch kleinere Dateigrößen und damit noch schnellere Übertragungsmöglichkeiten über das Internet sorgten die Ingenieure am Fraunhofer-Institut so in den letzten Jahren.

MP3s mit Surround-Sound

Auch in Richtung Raumklang hat sich ein Teil des MP3-Projektes weiterentwickelt. Mit MP3 Surround stellen die Forscher ein Format zur Verfügung, dessen Dateigröße zwar nur rund zehn Prozent größer ist als bei einer vergleichbaren Stereo-Datei, welches jedoch vollständigen Raumklang mit insgesamt sechs Kanälen (5.1) wiedergeben kann. Doch die Ingenieure gehen noch weiter. Mit dem Projekt "Ensonido" soll Surround-Sound sogar mit jedem handelsüblichen Kopfhörer möglich sein.

Der Ansatz: Wozu sechs Boxen für Raumklang - wir haben schließlich auch nur zwei Ohren. Eigentlich einleuchtend, denn egal wie viele Boxen in einem Raum einen Surround-Sound erzeugen, letztendlich kommen alle Signale der Boxen bei unseren zwei Ohren an - allerdings in zeitlich unterschiedlichen Abständen. So kommt beispielsweise das Audiosignal einer Box von vorne rechts zeitlich einen Tick früher beim rechten Ohr eines Zuhörers an als bei seinem linken. Dies simuliert die Ensonido-Software und berechnet zusätzlich die virtuell auftretenden Echos, die in einem Raum von den Wänden abgestrahlt werden. Anschließend wird ein Signal generiert, welches all diese Gegebenheiten eines Raumklangs berücksichtigt und das an die beiden Lautsprecher des Kopfhörers gesendet wird. Dort soll der Hörer dann einen möglichst realistischen Surround-Sound wahrnehmen.

Als Abspielmaterial werden Surround-MP3s benötigt, die entweder aus einer Sechs-Kanal-WAV-Datei erzeugt oder aus jeder beliebigen Stereo-MP3 generiert werden können. Enkoder- beziehungsweise Konverter-Software dazu gibt es als Gratis-Download im Internet. In MP3 Surround enkodierte Songs sind dabei abwärtskompatibel zu Hard- und Software-Playern, die Mehrkanalton nicht unterstützen. Diese Programme und Geräte spielen die Surround-MP3s als ganz normale Stereo-Dateien ab.

Eine Abspielsoftware für die Surround-MP3s gibt es ebenfalls als kostenlosen Download im Netz. Sowohl einen Stand-Alone-Player als auch ein konfigurierbares Plug-In für Winamp haben die Fraunhofer-Ingenieure entwickelt und der Netzgemeinde zur Verfügung gestellt. Hardware-Player, die das Format unterstützen, gibt es derzeit noch nicht auf dem Markt. Erste Geräte sollen jedoch im Laufe diesen Jahres erscheinen.

Ensonido im Test: Individuelles Hörerlebnis

Im netzwelt-Test verwendeten wir sowohl die Stand-Alone-Lösung als auch das Winamp-Plug-In, um heruntergeladene Demo- und selbst enkodierte Surround-MP3s abzuspielen. Beide Player-Varianten lieferten dabei klanglich das gleiche Ergebnis. Und das hörte sich durchaus interessant an: Bei einer Demo-Datei, in der Testsounds aus den einzelnen Kanälen (vorne links und rechts, hinten links und rechts sowie Center und Subwoofer) abgespielt wurden, konnte man die einzelnen Sounds zwar nicht so einfach zuordnen wie bei einer echten 5.1-Surround-Anlage.

Die Stärken der Surround-MP3s wurden jedoch beim Hören von Test-Musikstücken um so deutlicher. Besonders bei ruhigeren Stücken aus dem Pop- und Jazz-Bereich mit vielen natürlichen Instrumenten und Gesang (ohne Synthesizer und verzerrende Verstärker) stellte sich tatsächlich ein deutlich hörbarer räumlicher Klang ein, den man durchaus als Bereicherung für die Musikstücke bezeichnen kann. Teilweise entsteht dabei ansatzweise der Eindruck, man sei "live dabei". Die Raumakustik wird oft sehr gut simuliert und ein wirklich plastischer Höreindruck entsteht.

Bei lautem Rock oder künstlich erzeugten Synthie-Klängen kam der virtuelle Raumklang bei unserem Test nicht so gut zur Geltung. Bei ruhigerer Musik hat das Ohr vielleicht einfach mehr Freiraum, sich auch um weitere Klanginformationen zu kümmern. Ohnehin ist das Hörerlebnis bei dem virtuellen Raumklang extrem individuell. Während der eine begeistert von dem plastischen Klang ist, erkennt der andere keine größeren Unterschiede zu einer Stereo-Sound-Datei. Ein einfaches Testen und Ausprobieren (am besten mit den eigenen, umgewandelten Lieblingssongs) ist der wohl beste Weg, um herauszufinden, ob einem die Surround MP3s liegen oder nicht. Die Technik gibt dies schließlich ohne Weiteres her: Sowohl diverse Encoder als auch verschiedene Abspielprogramme stehen für mehrere Betriebssysteme zum kostenlosen Download zur Verfügung. Einem individuellen Test des virtuellen Kopfhörer-Raumklangs steht also nichts im Wege.










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08. Februar 2007