Spiegeln bis der Arzt kommt
Verkehrte Netzwelt: Die Schminkspiegel-Seuche
Benjamin Schnitzler
Selbst der Umzug in die Kellerwohnung bringt kein zufriedenstellendes Ergebnis. Es sei denn, man befreit sich neben dem Tageslicht auch von jeglicher Form künstlicher Beleuchtung. Doch bei einem Notebook, das ständig den Standort wechselt und sowohl in Bus und Bahn als auch hell erleuchteten Konferenz- und Büroräumen funktionieren soll, bringt dies herzlich wenig. Dabei steht schon in der 1996 abgesegneten Bildschirmarbeitsverordnung BildschArbV geschrieben: "Der Bildschirm muß frei von störenden Reflexionen und Blendungen sein".
Entweder haben die Produzenten von Schminkspiegel-Displays, die sich fast so stark ausbreiten wie die passende Paranoia zur Vogelgrippe, sie gar nicht erst gelesen oder aber den Sinn der gesundheitsfördernden Richtlinie völlig missverstanden. Zu Wahnvorstellungen neigende Zeitgenossen dürften dahinter höchstwahrscheinlich eine großangelegte Verschwörung zwischen Monitorherstellern, Optikern und Augenärzten vermuten.
Spieglein, Spieglein auf dem Tisch....
Unter dem Schminkspiegel-Effekt leiden aber nicht nur die Augen der Arbeitnehmer, sondern auch die Kassen der Arbeitgeber. Denn ein Angestellter, der trotz hervorragender Schulbildung nicht richtig lesen kann, steigert nicht gerade die Produktivität. Dass einige Monitore auch ohne optisches Blendwerk auskommen, aber dennoch eine hervorragende Bildqualität liefern, sollte eigentlich Denkanstoß genug sein.
Obwohl die Tendenz zurzeit in die entgegengesetzte Richtung geht, bleibt die Hoffnung, dass spiegelnde Displays den Weg vieler anderer Modetrends einschlagen und bald belächelt in der Versenkung verschwinden. Bis dahin sollten sich die Schminkspiegelproduzenten wenigstens ein Herz fassen und leicht verständliche Hinweise auf ihre Verpackungen drucken: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Augenoptiker." Oder besser nicht, denn die verdienen schließlich mit.
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